Ein Jahr unterwegs mit dem Wohnmobil

10.09.2019 Wir sind nun über ein Jahr unterwegs, bis auf die 35 Tage auf See alles in Südamerika. Wir haben lange überlegt, ob wir ein Video dazu drehen sollen, aber alleine die Hihglights aufzuzählen wäre abendfüllend geworden. Dementsprechend schreiben wir lieber einen Blogartikel und empfehlen Euch den Blog und unseren Youtube Kanal zu durchstöbern.

Was ist die große Erkenntnis nach diesem Jahr mag sich manche(r) fragen. Für uns eindeutig: Die Welt hat so wunderschöne Ecken und so viele sehr nette Menschen, geht raus, traut Euch, die Erlebnisse prägen positiv für das gesamte Leben und Ihr werdet erkennen, dass der Konsumwahn völlig daneben ist. Sehr bequem zu leben ist in einem Wohnmobil trotz begrenztem Raum sehr wohl möglich und viele Sachen von denen uns die Werbung suggeriert wir würden sie benötigen sind einfach nur wertloser Müll.

Zweite Erkenntnis für uns: Wir wandeln uns zunehmend zu Umweltschützern. Nicht, dass dieser Aspekt früher unwichtig gewesen wäre, aber so einfache Sachen (für uns!) wie Müllsammlung, Müllverwertung, nicht jeden Dreck einfach aus dem Autofenster zu werfen sind in einigen Ländern Südamerikas schlicht nicht vorhanden, funktionieren nicht oder sind nicht im Bewusstsein der Einwohner. Wir mussten teilweise fast weinen als wir gesehen haben was hier mit der Landschaft passiert, die doch so wunderschön ist.

Dritte große Erkenntnis und die bekommt bitte in den richtigen Hals: Wir sind stolzer denn je Deutsche zu sein. Nein, keine Sorge, wir sind keine AFDler. Wir sehen einfach nur, dass Deutschland trotz so mancher Sachen die besser laufen könnten super funktioniert. Wir haben ein Bildungssystem, das seinen Namen verdient, wir haben ein sehr gutes Sozialsystem, das Gesundheitssystem ist klasse und die Wirtschaft brummt. Wir stellen fest, dass nach der Zeit on the road, nach all den Gesprächen, die wir mit Einheimischen hatten in Deutschland extrem privilegiert sind und alle, die sich über irgendwelchen Kleinigkeiten aufregen haben wenig oder keine Ahnung wie es anderswo auf der Welt zugeht.

Diese Liste mit Erkenntnissen ließe sich endlos fortführen. Seid froh in einem Land der “Ersten Welt” geboren und aufgewachsen zu sein und nutzt jede Chance die sich bietet!

Auch das Privileg die Welt mit dem Wohnmobil bereisen zu dürfen kommt aus genau dieser Ecke. Fast jeder hat die Chance, wir haben vom Backpacker über Fahrradfahrer, Motorradfahrer bis hin zu Menschen mit ausgewachsenen Wohnmobilen viele Reisende getroffen. Jeder hatte auf seine Art die Welt gesehen und alle waren begeistert von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

Wir haben an uns selbst festgestellt, dass wir erheblich ruhiger, entspannter und gelassener geworden sind. Reisen in Südamerika bedeutet oft “Manjana”, also “Morgen”. Hier hilft der Ansatz sich aufzuregen wenn gerade mal wieder Siesta oder irgendein Feiertag ist nicht weiter. Einfach akzeptieren, am nächsten oder übernächsten Tag geht schon was. Die Umstellung hat etwas Befreiendes, meist gibt es eine Lösung, wenn auch nicht gleich.

Auch die anfängliche Idee, wir bräuchten immer eine gut gesprochene gemeinsame Sprache ist hinfällig geworden. Wir haben mit Menschen aus allen Herren Ländern gesprochen, teils in einem Mischmasch von 3 oder 4 Sprachen die jeder irgendwie beherrschte. Zur Not eben Google Translate. Es gibt immer einen Weg! Wir sind mittlerweile total happy Menschen aus aller Welt zu treffen und mit ihnen abends zusammen zu sitzen bei einem Plausch. Spannende Geschichten, Erkenntnisse wie es anderswo läuft, die eigene Welt wird immer größer und stetig bereichert.

Wie ist unsere Reise bisher verlaufen?

Nach der Verschiffung von Hamburg nach Montevideo haben wir uns die Küste von Uruguay angesehen. Sehr beeindruckend und wir werden sie auf alle Fälle wieder besuchen. Dann haben wir nach einem kurzen Besuch in Brasilien Uruguay zentral durchquert, sind die Küste Argentiniens bis hinunter nach Feuerland, nach Ushuaia gefahren.

Feuerland war hart, vor allem wegen dem Wind. Wir waren noch zur besten Jahreszeit dort, hatten aber teilweise echte Angst das Mobil könnte kippen. Alles gut gegangen, das Ende der Welt war erreicht.

Nach einem kurzen Abstecher nach Chile (Gletscher!) ging es für uns wieder zurück nach Argentinien, wo wir die Hälfte der legendären Ruta 40 gefahren sind. Die Traumstraße schlechthin. Einige Abstecher weiter ging es nach Paraguay, Freund besuchen und zu den Iguazu Fällen. Einfach fantastisch. Auf der Fahrt durch Argentinien kamen wir einmal in einen Tornado, das brauchen wir nicht noch einmal. Die Gegend um Cordoba hat mehr Tornados als die Tornado Allee in den USA!

In Paraguay war es uns auf Dauer zu heiß, wir waren im Januar / Februar dort und es hatte bis zu 45 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit. Also weiter, wieder quer durch Argentinien nach Salta in die Berge. Nach Salta fuhren wir über den Paso Jama (4950m) nach Chile.

In Chile hatten wir sehr viele schöne Landschaften und die Atacama Wüste ist ein definitives Highlight der bisherigen Reise. Was für Stellplätze, aufgegebene Salpeterminen in denen man einfach stehen kann, Geisterstädte, Landschaft pur. Hier saßen wir auch einfach mal so in der Nacht vor dem Auto und bestaunten mit blanken Augen die Schönheit der Milchstraße.

Nach Chile ging es hinein nach Peru. Dort hatten wir die erste Panne und mussten einen Monat in Arequipa auf Ersatzteile aus Deutschland warten. Arequipa ist eine tolle, quirlige Stadt mit sehr gutem Essen und einer zauberhaften Innenstadt. Wir machten auch eine Woche Sprachkurs, Zeit hatten wir.

Nach erfolgreicher Reparatur ging es weiter die Küste hinauf nach Ecuador. Der Nordteil Perus gilt an der Küste eher als gefährlich, sichere Stellplätze zu finden war eine größere Herausforderung. Außerdem ist ab Lima nach Norden die Küste einfach nur dreckig, zumindest dort wo Menschen wohnen. Dafür sind die archäologischen Stätten unglaublich. Was wir nicht alles gesehen haben! Unmöglich hier alles aufzuzählen.

Ecuador hatte dann trotz der tollen Straßen wieder einen anderen Touch, sauber, wirkt organisiert, ein super Reiseland. Wir waren auch zu Gast bei Hans auf der Finca Sommerwind, der Kontakt sollte sich später noch als extrem hilfreich erweisen. Wir passierten Ecuador problemlos und kamen an die Grenze zu Kolumbien.

Kolumbien ist eine völlig andere Hausnummer als die anderen Länder. Die Straßen sind teilweise extrem steil und von Fahrbahnabsenkungen durchzogen, sog. “aktiven Geologischen Zonen”. Es gibt tiefe Täler in die man von der Straße aus blickt und Wohnmobil fahren hier hat ganz eigene Herausforderungen. Landschaften erstklassig, Menschen sehr freundlich.

Wir schafften es mit einem mehrtägigen Stopp in Medellin bis hinauf nach Cartagena und damit hatten wir die gesamte Panamericana und noch viel mehr erfolgreich gemeistert. Cartagena war heiß und schwül, die Altstadt sehr sehenswert. Mit einem mehrtägigen Aufenthalt direkt am Strand belohnten wir uns für das Erreichte.

Da Südamerika noch so viele Plätze zu bieten hat, die wir noch nicht gesehen haben beschlossen wir nicht wie viele direkt nach Zentralamerika über zu setzen, sondern noch eine Runde durch den Kontinent zu drehen. Auf der Fahrt nach Süden hatten wir dann die zweite Panne, dieses Mal mit wesentlich gravierenderen Folgen.

Wir steckten 2 Monate in Kolumbien, genauer in Pasto in der Werkstatt fest und warteten auf Teile aus Deutschland. Lest einfach den Artikel zu DHL und ihr versteht, warum es 2 Monate gedauert hat. Das Fahrzeug lief danach zwar wieder, aber nur mit einem unschönen Klang aus dem Motorraum und mit wenig Leistung. Wir schleppten uns trotzdem bis nach Ibarra, wieder auf die Finca Sommerwind. Hier erfuhren wir in der Werkstatt, dass 3 von 4 Injektoren nicht mehr richtig funktionieren (konnten sie in Kolumbien nicht einmal im Labor prüfen). Jetzt warten wir aktuell wieder auf ein Paket aus Deutschland, aber in einer super angenehmen Umgebung.

So manch einer mag sich nun fragen: 3 Monate gesamt in der Werkstatt? Ein Viertel der Zeit? Ja, stimmt. Arequipa war aber toll zu erleben als quasi Langzeitbewohner und Ibarra, speziell hier die Finca Sommerwind haben auch ihren Reiz. Pasto war sehr unangenehm und dreckig, eine Zeit, die wir nicht gebraucht hätten. Trotzdem, was wir bisher gesehen und erlebt haben ist so unglaublich positiv, die Reise hat sich gelohnt. Wir freuen uns sehr auf die Fortsetzung und den weiteren Turn durch Südamerika bis hinunter zur Carretera Austral und dann nach einer weiteren Durchquerung von Argentinien Uruguay und vermutlich 3 Monate Brasilien. Südamerika ist eine Reise wert, egal mit welchem Fahrzeug. Wichtig ist nur, dass Ihr genügend Zeit mitbringt. Einfach nur die Panamericana durchzuhetzen lässt so viel von dem Kontinent aus, nehmt Euch mehr Zeit, blickt auch mal rechts und links und Ihr werdet reich belohnt.

Ach ja, bisher über 25.000 km in Südamerika, 3 Reifenpannen, 3x Werkstatt, Kosten niedriger als erwartet. Der Carthago hält sich tapfer, keinerlei Probleme mit dem Aufbau trotz mancher abenteuerlichen Strecke und tausender Kilometer Schotter. Das Wohnmobil ist in dem Grundriss ideal für uns beide und die Qualität des Aufbaus zahlt sich gerade bei so einer Tour voll aus.

Source: Panamericanareise